obstivision

Buecher, Rezensionen, Beschwerden. Alles ums Lesen.

Danksagung eines Pferdemädchens

Der Wind drischt mir die salzige Luft ins Gesicht. Strähnen meiner Haare lösen sich aus dem Zopf und flattern mir wie hundert winzige Banner um das Gesicht. Die Wellen rollen neben mir auf den Sand, kleine Steinchen fliegen um mich. Unter mir der warme, kraftvolle Leib meines Pferdes, dessen Hufe an der Wasserkante entlangdonnern. Es streckt sich, hält die Nase in den Wind und wird immer schneller, bis der Strand zu Ende ist. Ich sammle mich, setze mich gerader, bremse. Langsam kehrt die Welt zurück und der Seewind weicht der Ruhe, als wir uns in den Wald wenden. Es geht nach Hause.

Diese Freiheit, die ich heute regelmäßig erleben darf, auch wenn es mich jedes Mal wieder mit ungläubigem Staunen über mein Glück erfuellt, kannte ich schon früher. Denn ich bin, was ich in meinem Herzen schon immer war: Ein Pferdemädchen. Mit fünf Jahren begann ich, meine Eltern anzuflehen, mich zum Reitunterricht gehen zu lassen. Mit sieben durfte ich, aber selbst von diesem Zeitpunkt an war es noch ein weiter Weg zum Galopp am Strand. Doch lange bevor ich die Sehnsucht nach diesem letzten Hauch von Wildheit auf so direktem Wege stillen konnte, gab es eine andere Heilung. Romane über Pferde, ihre Menschen und das Leben all derer, die in dieser wunderbaren Glitzerwelt zuhause sind. Es war immer viel los im Leben von Bille und Zottel, auf dem Reiterhof Dreililien oder auf der Zuflucht fuer Pferde in Kanada, der Heartland-Farm. Doch über dem hing immer der Duft nach Pferden und frischem Heu, der den Glauben an eine heile Welt aufrecht erhielt.

Schon früh musste mein Vater mit langen Listen die Flohmärkte der Umgebung abklappern, um Lücken in meiner Sammlung zu füllen. In seinem Schrank standen stets Bücher bereit, mit denen ich für gute Noten belohnt werden konnte – Jugendkrimis wie TKKG und die Pizzabande sowie alle Arten von Pferdebüchern waren immer dabei. Für jede 1 oder 2 durfte ich mir ein Buch aussuchen, was für manche wohl eine Strafe gewesen wäre, für mich jedoch der Himmel auf Erden. Meine Noten waren selten schlechter und dennoch war ich immer froh, zugreifen zu dürfen, denn ich verschlang alles.

Zottel ließ mich vom eigenen Scheckpony träumen, Heartland weckte den Traum, Pferdeflüsterin zu werden und viele der Ponyclub-Romane erfüllten mich mit einer tiefen Faszination für Pferderennen. Und auch, wenn mein Pony heute nur braun ist und nicht mit mir spricht, ich nie auf einem Pferderennen war und mir deutlich bewusster geworden ist, wie viel Arbeit diese Tiere machen, will ich die Pferde in meinem Leben nicht missen. Genauso wenig jedoch möchte ich auf die Romane über sie verzichten, auf die Helden meiner Kindheit und die tiefe Sehnsucht, die sie immerhin ein bisschen zu stillen vermochten. Danke für wundervolle Stunden.

Wenn übrigens jemand den zehnten Band von Reiterhof Dreililien zu einem realistischen Preis loswerden möchte, bitte lasst es mich wissen! Dann suche ich die ganze Serie auf dem Dachboden wieder heraus und verliere mich noch einmal in dieser gleichzeitig so fremden wie vertrauten Welt.

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Sogwirkungen

Die Schweigsamkeit, durch die ich mich hier zur Zeit auszeichne, hat zwei Gründe: Zum einen kam ich in der intensiven Zeit, in der ich meine Abschlussarbeit schrieb, kaum zum Freizeit-Lesen, zum anderen, und das gilt viel stärker für den aktuellen Zustand, habe ich meine Liebe zum Stricken entdeckt. Es gehen haeufig unbemerkt Stunden ins Land, an deren Ende mal wieder ein Wollknäuel aufgebraucht und eine Mütze fertiggestellt ist. Die ersten Weihnachtsgeschenke sind schon entstanden, Sockengarn für weitere ist gekauft. Im Laden die Wollknäule zu streicheln ist fast so schön, wie in einem Buchantiquaritat in die nur rudimentär sortierten Reihen einzutauchen und auf die Jagd nach verlorenen Schätzen zu gehen.

Nur leider lässt sich das Stricken sehr schlecht mit dem Lesen verbinden, so blind und ohne mich darauf zu konzentrieren klappt es dann doch noch nicht. Dennoch zieht mich diese meditative Tätigkeit immer wieder in ihren Bann und weckt in mir den Wunsch, gleichzeitig einer Welt näher zu sein, in der es eben nicht nur eine Freizeitbeschäftigung war, sondern wirklich nötig, um Kleidung herzustellen. Häufig lasse ich nebenbei Filme laufen, zuletzt die Adaption von Jane Austens „Persuasion“ von 1995, aber wenn man die nur hört, geht einem doch viel verloren. So kam ich dann letztlich zu den Hörbüchern, die ich bisher immer so stark abgelehnt habe. Wenn sie gut gemacht sind (und auf LibriVox gibt es durchaus hohe Qualität), nehmen sie einen mit auf eine Reise in die Welt der Romane, die zwar anders ist, als wenn man selbst läse, aber dennoch sehr einnehmend. Derzeit läuft, sofern ich allein zuhause bin, Charles Dickens’ Great Expectations. Von ihm las ich im Frühjahr bereits A Tale of Two Cities, das mich in seiner Eindringlichkeit nahezu erschlug, dieser Roman steht dem in nichts nachm zumal es eine hervorrangend gelesene Vertonung gibt. Zuvor hörte ich Der Tod des Ivan Iljitsch von Tolstoi, das schon lange darauf wartete, gelesen zu werden.

Doch auch in anderen Lebensbereichen entwickeln sich Sogwirkungen, die mich immer wieder zur Literatur treiben. Mein Konsum von Schwarztee ist schon immer sehr hoch gewesen, manchmal entwickelt er gruselige Ausmaße und wenn ich zu einem russischen Rauchtee greife, muss ich nur eine Nase voll von seinem Aroma nehmen und wünsche mich sofort in einen Roman von Tolstoi oder Dostojewskij.

Bei allem Stricken und Hören habe ich das Lesen natürlich nicht vollkommen aufgegeben. Walter Scott hat endlich den Weg in meine Hände gefunden und weckt extreme Sehnsucht nach Schottland – wieder ein Sog, der von Büchern ausgeht. Zu Waverly fehlten mir die Worte, doch The Heart of Midlothian ist zu zwei Dritteln gelesen und wird hoffentlich seinen Weg auf diese Plattform finden. Zunächst muss da aber noch ein aktuelles Strickprojekt beendet werden.

Paulo Coelho – Veronika beschließt zu sterben

Wenn die Dinge, die man gern tut, zur Pflicht werden, beginnen sie gleichzeitig, zur Last zu werden. So sehr Lesen normalerweise entspannt, so ermüdend wird es, wenn man es tun muss, zu welchem Zweck auch immer. So leicht einem die Worte aus der Hand fließen, wenn man etwas zu sagen hat, so schwerfällig setzt man unter Druck die Sätze zusammen. Die Therapie ist einfacher, als man denkt, denn sie ist der Schritt zurück: Lesen wieder um seiner selbst Willen, lesen von Dingen, die man lesen will und das Schreiben von Worten, die herausdrängen, nicht gezwungen werden müssen.

So kam ich zu Veronika beschließt zu sterben von Paulo Coelho. Kein Buch, das ich mir selbst ausgesucht hätte, doch gehört habe ich davon oft und als meine Mutter es aussortierte, fiel es mir in die Hände. Veronika, 24, ist unzufrieden mit ihrem Leben und versucht, es sich mithilfe von Schlaftabletten zu nehmen. Sie überlebt, hat aber einen so starken Herzschaden davongetragen, dass ihr nach Erwachen aus dem Koma nur noch etwa eine Woche verbleibt. Die verbringt sie in einer psychiatrischen Klinik, wo sie lernt, dass das Leben doch interessante Seiten hat, und beginnt, den Selbstmordversuch zu bereuen. So weit, so vorhersehbar. Der wenig reflektierte Eindruck von Veronikas Denken und Handeln, den diese Zusammenfassung hoffentlich erweckt, ist im Roman noch deutlicher. Weder ihr Entschluss zum Selbstmord noch ihr späterer Sinneswandel erschienen mir allzu nachvollziehbar, sie wirkte verblendet, egozentrisch und unsympathisch.

Was den Roman dennoch lesenswert machte, waren die Nebenfiguren, einzelne Insassen der Klinik, die von Veronikas seltsamem Handeln berührt werden, deren Geschichte erzählt wird und die so viel realer und nachvollziehbarer wirken als die Hauptfigur, dass gerade dieser Kontrast sie zu liebenswerten Identifikationsfiguren werden lässt. Denn es sind Eduard, Mari und Zedka, die zeigen, dass ein bisschen Verrücktheit im Alltag sein muss, damit man zu sich selbst stehen kann, dass es gut ist, nicht normal zu sein. Wenn man auf diese drei achtet, kann man an den seltsamen, zusammengslosen Dialogen mit dem Arzt der Klinik vorbeisehen und erkennen, dass dieser Roman irgendwie ein Plädoyer für das Leben ist. Überzeugt hat er mich allerdings nicht.

Alle Figuren des Romans beschließen, ihr Leben zu verändern, oder brechen zunächst einmal zusammen, nachdem sie mit Vorbildern in Kontakt gekommen sind, die mit allen Konventionen brechen und darüber hinausgehen. Der fade Beigeschmack einer viel zu deutlichen, aufdringlichen Verhaltensanweisung ließ sich bei der Lektüre nicht abwenden, immer wieder wurde auf diesem Punkt herumgehackt, viel zu ausführlich betont, warum es unumgänglich ist, auszubrechen. Vor allem aber stellte der Autor selbst sich zu stark ins Rampenlicht und in die Reihe dieser großen Namen, als dass ich es ihm hätte abkaufen können. Veronikas Überleben am Ende macht die ganze Erzählung nur noch seichter und inhaltsärmer.

Des Lesers Ehrfurcht

Literatur ist nahezu der einzige Weg, auf dem wir Einblick in die Lebensweise lang vergangener Zeiten erhalten. Wann immer ich einen Text lese, der im Mittelalter verfasst wurde – wenn auch aus Gründen der Verfügbarkeit und des Verständnisses mindestens in normalisierter Ausgabe, oft in Übersetzung – ergreift mich eine tiefe Ehrfurcht bei dem Bewusstsein, wie viele Jahrhunderte diese dichterischen Glanzleistungen überdauert haben. Denn seien wir mal ehrlich: Verse werden heute kaum noch geschrieben, schon garnicht 20000 am Stück, der Umfang des Tristan Gottfrieds von Straßburg, den er nicht einmal vollendete.

Gerade in den Artusromanen findet sich eine buntglitzernde Wunderwelt voller Phantasie, Prunk und Feierei, aber genauso gefüllt mit Kämpfen, Intrigen und ausgesprochen viel Humor. Die Vorstellung vom Mittelalter, die heutzutage vorherrscht, ist entweder romantisch ueberzeichnet oder düster und bedrückend. Die Literatur dieser Zeit bietet jedoch ein anderes Bild, eines nämlich, aus dem Lebensfreude und die Wertschätzung der Geselligkeit bei Mahlzeit, Musik und Dichtervortrag sprechen.
Tiefes Leid und Verzweiflung existieren, doch gilt es in den Romanen immer, diese Gefühle zu überwinden und das blühende Leben wiederherzustellen.

Erstaunen mag, wo doch der große Stellenwert der Religion im Mittelalter unumstritten ist, der sexualisierte Gehalt der Erzählungen. Zutiefst vulgäre Schwankerzählungen von Ehebrecherinnen und lüsternen Pfaffen auf der einen Seite mögen noch als Unterhaltung für das einfach Volk abgetan werden, aber auch in den großen Romanen über die Artusritter sind die Zweideutigkeiten recht eindeutig und die Untertöne deutlich.

hie huop sich herzeminne
nâch starkem gewinne.
si minneten sunder bette:
diu minne stuont ze wette,
sweder nider gelæge,
dem wart der tôt wæge.
mit scheften si sich kusten
durch schilte zuo den brusten
mit solher minnekrefte
daz die eschînen schefte
kleine unz an die hant zekluben
und daz die spiltern ûfe stuben.

Da erhob sich herzliche Liebe
nach großem Gewinn.
Sie brauchten kein Bett für die Liebe.
Das war das Ziel ihres Liebesverlangens:
wer von den beiden stürzte,
dem war der Tod zugemessen.
Sie küssten sich mit den Lanzen
durch die Schilde auf die Brust
mit solcher Leidenschaft,
dass die Eschenschäfte
bis an die Hand zersplitterten,
so dass die Späne umherflogen

Hartmann von Aue: Erec, V. 9106–9117; Übersetzung von Thomas Cramer

Wir lesen hier die Beschreibung eines Tjostes. Es geht in den Romanen um Ehre, um Liebe, um Respekt voreinander, selbst, wenn man sich hasst und bekämpft. Viele dieser Eigenschaften sind in unserer Welt verdreht, nahezu ins Gegenteil verkehrt worden, jeder denkt nur noch an seinen Vorteil. So ist es denn auch für unsere Gesellschaft ein verlorenes Gut, was sich unter dem Begriff des „höfischen Denkens“ fassen lässt, nämlich ein Leben voller Strukturen und voller Reflektion über das eigene Handeln.

Ich drifte ab. Was ich sagen will: Lest sie, lest Wolfram, Gottfried, Hartmann und genießt die Kunst, Worte so aneinander zu reihen. Genießt die Bildsprache, die aus diesen Werken entspringt, in denen noch heute, 800 Jahre später, jeder Edelstein zu glitzern scheint wie am ersten Tag, jede Mahlzeit duftet und euch das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt und deren Wälder dazu führen, dass man sich kaum des Wunsches erwehren kann, sein Pferd zu satteln und selbst auf die Jagd zu gehen. Fühlt die Ehrfurcht, die sich einstellt, wenn man liest, was vor so unfassbar langer Zeit und schwersten Bedingungen zu Pergament gebracht wurde, stellt euch vor, wie die Autoren an ihren Schreibpulten standen, die spitze Feder in der Hand, und stundenlang überlegten, bevor sie die Worte niederschrieben, denn das Material war zu kostbar für viele Fehler. Spürt die Kunst!

Gustave Flaubert – Madame Bovary

Eine Vorlesung zum skandinavischen Roman im letzten Semester gab mir viele Anregungen im Hinblick auf zu Lesendes. Vorrangig waren das aber die Romane aus anderen europäischen Ländern, die zur Einordnung genannt wurden. Darunter war auch Die Brüder Karamsov von Fjodor Dostojewskij, nun folgt Flauberts Madame Bovary, die Erzählung der jungen Emma, die sich auf dem Landwirtschaftsbetrieb ihres Vaters langweilt und durch ihre Heirat mit dem nicht allzu intelligenten und erfolgreichen, sie aber stets liebevoll und untertänig umsorgenden Arzt Charles Bovary hofft, einem aufregenden Stadtleben näher zu kommen.

Auch als Ehefrau langweilt sie sich schnell wieder und stürzt sich in zwei Affären, in denen sie hofft, ihre Träume von romantischer Liebe erfüllt zu sehen. Beide Male glaubt sie zunächst daran, gefunden zu haben, was sie sucht, sie vernachlässigt Ehemann, Kind und Haushalt, um sich dem Liebhaber hinzugeben, verstrickt sich immer mehr in ein Gewirr aus Schulden und findet doch immer wieder nur Langeweile und Gewöhnung, bis sie sich, verarmt und verzweifelt, selbst umbringt. Die Trauer über ihren Verlust reißt auch ihren Mann mit in den Tod, nachdem er, der niemals eifersüchtig war und immer an die Zuneigung seiner Frau glaubte, zuletzt doch unumstößliche Beweise für ihren Ehebruch findet.

Soweit klingt die Handlung nicht überraschend,was sie hingegen lesenswert macht, ist, wie Flaubert mit seiner Hauptfigur umzugehen weiß. Zu Beginn stellt er sie dar als etwas naives, intelligentes Mädchen vom Lande, das von der großen Welt und vor allem dem Leben in der Großstadt Paris träumt. Sie wirkt sympathisch und man möchte ihren Weg mitgehen und sie glücklich werden sehen. Ein Ball, an dem das Ehepaar Bovary teilnehmen darf, weil der Arzt den Gastgeber zufriedenstellend behandelt hat, lässt hoffen, dass Emma erreichen wird, was sie sich erträumt. Ganz subtil jedoch verändert der Autor den Eindruck, den man von Emma erhält. Ihre Naivität wird zur Sorglosigkeit, ihre Suche nach romantischer Liebe driftet ins nahezu Lächerliche ab. Die heftigen, nahezu obsessiven aber innerhalb kürzester ausgebrannten Affären sind nur noch Beispiele dafür, wie ein Mensch die Kontrolle über sein Leben verliert. Dies gipfelt in dem immensen Schuldenberg, der unter dem Einfluss des gerissenen Dorfkaufmannes angehäuft wurde und aufgrund dessen der gesamte Besitz der Bovarys gepfändet wird. Auch dieser letzten Konsequenz ihres liederlichen Handelns weiß Emma sich zu entziehen, durch den Selbstmord mit Hilfe von Arsenik, das sie ihrem Nachbarn, einem Apotheker, entwendet. Madame Bovary ist innerhalb der Romanhandlung von einem freundlichen, etwas weltfremden Mädchen zu einem absoluten Negativbeispiel des Müßigganges geworden, Sympathie und Mitleid bringt man zuletzt nur noch ihrem Ehemann Charles und der Tochter Berthe gegenüber auf, deren Leben vom Handeln Emmas zerstört wird.

Ein Paradebeispiel der Subtilität in der Figurenentwicklung, denn es lässt sich im Nachhinein nicht mehr rekonstruieren, an welchem Punkt Emmas Beschreibung ins Negative kippte. Dieser Zustand war einfach irgendwann erreicht, ohne, dass man zuvor eine Veränerung bemerkt hätte.

Warum heißen eigentlich so viele Romanfiguren Emma?

Elspeth Cooper – Die Lieder der Erde

Geschenkte Bücher sind ja immer ein wenig Glücksspiel. Die meisten Menschen, die mir Bücher schenken, kennen meinen Geschmack ganz gut, aber dennoch kennt man die verschenkten Exemplare ja nicht unbedingt selbst und kann die Nuancen des Geschmacks eines anderen nicht vollkommen einschätzen. So ein Fall dürfte dieses Buch insgesamt sein, das ich zu meinem Geburtstag erhielt. Die Lieder der Erde ist ein klassischer Fantasy-Roman, erschienen in der deutschen Übersetzung im Heyne-Verlag, der ja viel in dieser Richtung herausgibt. Englischssprachige Autoren lese ich normalerweise im Original, hier erhielt ich nun eine Übersetzung. Den wirklichen Schreibstil kann ich also nicht beurteilen, denn die Feinheiten gehen auf dem Weg oft verloren. Dass mich die holprige, gestelzte Sprache immer wieder störte, mag also die Schuld des Übersetzers sein – genau der Grund, warum ich die Originalsprache vorziehe, sofern ich ihrer mächtig bin. Wenn auch hier also schon Lesevergnügen verloren ging, so ist mein eigentliches Problem mit diesem Roman inhaltlicher Art.

Der Begriff „worldbuilding“ hat sich auch im deutschsprachigen Austausch über das Verfassen phantastischer Literatur bereits eingebürgert. Er meint das Entwerfen und Ausarbeiten einer eigenen Weltkreation, inklusive politischer Systeme, Religion und Traditionen. Es gibt einige Autoren, die sich hierbei durch Liebe zum Detail und große Kreativität auszeichnen, ganz vorn dabei in meinen Augen Brandon Sanderson (über Tolkien müssen wir nicht sprechen, das steht außer Frage, denn er ist bisher noch immer bei Weitem unerreicht), andere, und zu ihnen gehört leider auch Elspeth Cooper, legen in diesem Aspekt eine geradezu erstaunliche Ideenlosigkeit an den Tag.

Religion: Die Religion in Die Lieder der Erde ist ein schlecht kaschierter Abklatsch des Christentums. Der eine Gott der Christen ist hier eine Göttin, die den Namen Eador trägt, sie und ihre Kirchenstruktur funktionieren aber im Wesentlichen wie die katholische Kirche inklusive ihrer Klöster und Ritterorden im Mittelalter. Selbst der Rosenkranz als Bestandteil des Gebets ist, ohne auch nur einen anderen Namen erhalten zu haben, übernommen worden. Gleich in den ersten Sätzen dieses Romans stößt dem Leser diese platte Religions-Kopie sauer auf. Mangelnder Spannungsaufbau lässt sich hier auch noch feststellen, denn es wird mittem im eigentlich geradezu dramatischen Geschehen ausgeklinkt, um die Rangstruktur innerhalb der Kirche zu erklären. Das Interesse an der Handlung wird also, kaum dass es geweckt wurde, wieder erstickt durch eine trockene kirchenpolitische Beschreibung, deren Einfügung an dieser Stelle nachträglich zwar irgendwie legitimiert wird, den Leser aber dennoch eher abschreckt.

Namen: Frau Cooper denkt sich gern Namen aus. Sie scheint diese Namen auch sehr gern zu mögen, denn sie erschlägt ihr Publikum geradezu mit ausführlichen Beschreibungen vergangener Schlachten und weitläufiger Landschaften, in denen jede jemals dort gelebt habende Person und jedes noch so kleine landschaftliche Merkmal einen eigenen Namen tragen und mit diesem vorgestellt werden. Es ist zwar begrüßenswert, wenn ein Autor in der Lage ist, passende Namen für alle Gelegenheiten zu erfinden – und das gelingt Elspeth Cooper – eine solche Überhäufung der Erzählung mit Namen, die zu kennen keinerlei Gewinn bringt, schadet aber dem Lesefluss, da es kaum möglich ist, alle Namen zu behalten und einzuordnen. Die Konzentration auf weniger Personen und vor allem wesentlich weniger intradiegetisch historische Ereignisse hätte es dem Leser ermöglicht, weitaus besser den Überblick zu behalten. Alternativ wäre wenigstens eine Karte hilfreich gewesen, anhand derer man sich orientieren könnte. In Anbetracht der weiten Reise des Protagonisten wäre dies ohnehin wünschenswert, denn so wird man mit teils sehr wenigen Worten durch verschiedene Länder geführt, die man nicht zueinander in Relation setzen kann.

Hauptfigur: Der Protagonist des Romans ist so blass gezeichnet, dass mir mittlerweile, wenige Wochen nachdem ich Die Lieder der Erde las, sein Name bereits entfallen ist. Er hat viel Potenzial, als Waise, der auch von seiner Pflegefamilie nach der Entdeckung seiner Magiebegabung verstoßen wurde und eingebunden in die Kirchenstruktur aufwächst, die eben dieser Magie extrem feindlich gegenübersteht. Dadurch, dass man kaum in der Lage ist, sich in ihn Hineinzuversetzen, denn sein Handeln und Denken wird auffällig distanziert beschrieben, ist er keine Identifikationsfigur. Geprägt von kirchlicher Erziehung, aber durch seine magischen Fähigkeiten den Grundsätzen, die ihm mit körperlicher Gewalt eingeprügelt wurden, bereits unverschuldet entgegengesetzt, bietet er grßes Konfliktpotenzial, das aber ungenutzt im Sande verläuft. Die Informationen über ihn sind darüberhinaus nicht sinnvoll verteilt; beispielsweise besitzt er seit vor dem Einsetzen der Handlung die Fähigkeit, sich in einen Adler zu verwandeln. Dies wird aber erst sehr spät enthüllt, nachdem er auf eine zweite Gestaltwandlerin trifft. Hätte der Leser diese Information vorher erhalten, so wäre die heimliche Rebellion des Protagonisten gegen die ihn unterdrückende Kirche ersichtlich gewesen – wodurch er zu einer deutlich interessanteren Identifikationsfigur geworden wäre als es der unterwürfige Novize war, für den man ihn bis dahin hielt. Solche Fehler unterlaufen Elspeth Cooper immer wieder in Bezug auf ihre Hauptfigur, was die Handlung insgesamt stark der Logik und Konsistenz beraubt. Dagegen sind viele der Nebencharaktere sehr gelungen, besonders der Mentor Alderan – weshalb ich mich an seinen Namen auch noch erinnere.

Der Böse: Damit eine Handlung spannend ist, braucht sie Konflikte, soviel Grundlage muss nicht weiter erklärt werden. Häufig, gerade im Bereich der phantastischen Literatur, besteht dieser wichtigste Konflikt darin, dass der Protagonist gegen einen mächtigen Gegner kämpft, der die ganze Welt bedroht. Den gibt es hier. Er ist ein Kind zweier Magiebegabter, der das Machtniveau aller anderen um ein Vielfaches überschreitet und nur durch die vereinten Kräfte aller Wächter der Welt in Schach gehalten, aber nicht besiegt werden kann. Kommt das bekannt vor? Hier kann man gleich eine ganze Reihe Klischees abhaken. Bedrohung der Existenz der Welt, übermächtiger Gegner, „Chosen-One-Syndrom“, denn nur der Protagonist erreicht den Bösen im Ausmaß seiner Macht. Vollkommen nebensächlich wird erwähnt, dass die Bedrohung der Welt darin besteht, dass der Böse einen Schleier zwischen den Welten einreißen will. Was damit einhergeht, kann man nur erahnen, wenn man grob weiß, wie die Anderswelt der keltischen Mythologie beschaffen ist, denn erklärt wird es nicht.

Vom Konzept der Magie, das so einige Lücken hat, und den 100 Meilen am Tag laufenden Pferden fange ich garnicht erst an. Auf Magiekonzepte werde ich in einem anderen Beitrag in Zukunft noch einmal separat eingehen, die wirren Entfernungsangaben verbuchen wir als Nebeneffekt der mangelnden Karte – offensichtlich hatte die Autorin selbst keinen wirklichen Überblick mehr über die Ausdehnung ihrer Welt und stellte fest, dass ihre Figur viel zu weit von ihrem Ziel entfernt war, was durch ein übernatürlich schnelles Pferd korrigiert werden musste, oder sie vergaß, eine Flussschiffahrt zu erwähnen.

Abschließend sei bemerkt, dass bei aller Kritik dieses Buch genau zwei Tage brauchte, um gelesen zu sein. Es war also kein unwillkommenes Geschenk, ganz im Gegenteil, ich las es wirklich gern. Aber es bot sich an, auf seiner Grundlage viele dieser häufig auftretenden Probleme einmal anzusprechen.

Diana Gabaldon – Outlander

Es fällt mir schwer, über diesen Roman zu schreiben, auch wenn ich nicht sagen kann, warum. Er verfolgt mich schon lange, doch bisher konnte ich mich nie überwinden, ihn zu lesen, hielt ich doch die Zeitreisethematik für zentral, an der ich recht wenig Interesse habe. Den Ausschlag gab, dass in einer Auflistung von Anzeichen für Sexismus in Erzählungen bei Mythcreants auch auf Outlander verwiesen wurde (erste Anmerkung des Artikels), in einer Weise, die ich für sehr weit hergeholt hielt. Doch dazu später. Jedenfalls bin ich froh, diesem Roman eine Chance gegeben zu haben, denn er hat mich sehr mitgerissen und berührt, auf vielen Ebenen.

Claire Randall wird durch pagane Magie vom Nachkriegs-Europa des 20. Jahrhunderts zurück katapultiert ins Schottland des 18. Jahrhunderts, wo sie in die Wirren der Clankämpfe gerät und sich in den jungen Jamie verliebt, mit dem sie zuvor zwangsverheiratet wurde. Immer mehr geht sie in dieser Zeit auf und entschließt sich, zu bleiben, obwohl die Möglichkeit zur Rückkehr besteht. Die Charaktere sind überzeugend und einnehmend, auch die Nebencharaktere sind mit Liebe zum Detail entworfen und Diana Gabaldon bleibt ihnen allen über die vielen Seiten ihrer Erzählung treu. Da kann man darüber hinwegsehen, dass der arme Jamie, zur Betonung seiner Stärke und Zähigkeit, dreimal an Folter erleiden muss, was schon einmal vollkommen ausreichend und zweckdienlich gewesen wäre, dass Claire selbst auch mehrfach, teilweise durch Eigenverschulden und Schusseligkeit, beinahe vergewaltigt wird. Man fühlt sich bei der Lektüre in die Welt versetzt und verliert sich in den Träumen von einem unbebauten, unberührten, nahezu menschenleeren Schottland.

Kommen wir aber zurück zum eingangs erwähnten angeblichen Sexismusproblem des Romans. Die Autoren von Mythcreants prangern zusätzlich zu dem oben verlinkten in einem weiteren Artikel ausführlich an, dass von den kampferprobten Schotten behauptet wird, ein „smallsword“ sei zu schwer für eine Frau und eine „flintlock pistol“ erst recht, stattdessen gestehe man ihr lediglich einen Dolch zu, mit dem sie gegen Schwertträger keinerlei Möglichkeit hätte, zu gewinnen. Um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage in Bezug darauf, wie es im Roman formuliert wird, darzustellen, lässt sich hervorragend das berühmte Radio Eriwan zitieren: „Im Prinzip ja, aber“ zum einen gilt die Aussage der Schotten nicht für Frauen allgemein, sondern spezifisch für Claire, die niemals eine Form von Waffentraining erhalten hat und nun, während einer Reise durch die Wildnis, im Schnellverfahren lernen soll, sich einigermaßen selbst zu verteidigen, zum anderen gesteht man ihr nicht einfach einen Dolch zu, damit sie gegen mit Schwertern bewaffnete Gegner allein wehrlos ist, sondern man empfindet diese Waffe als diejenige, mit der man am schnellsten zu gewissen Selbstverteidigungsfähigkeiten kommen kann. Es geht also nicht darum, die Frau kleinzumachen, sondern diese Bewertung der Waffen ist im Gegenteil ausschließlich der fehlenden Zeit für eine sinnvolle Waffenausbildung und Claires mangelnde Vorkenntnisse geschuldet, möglicherweise auch der Unfähigkeit der Schotten, Claires Können einzuschätzen, da sie sich erst kurz kennen und noch kürzer gemeinsam reisen. Mit einer Pistole schießt Claire später übrigens doch noch. Vergessen werden darf an dieser Stelle auch nicht, dass wir über einen historischen Roman sprechen, der den Anspruch hat, die Verhältnisse der Handlungszeit realistisch widerzugeben. Das bedeutet auch, dass man heutige Rollenvorstellungen nicht an einen Roman anlegen darf, der vor fast 300 Jahren spielt! Diese ewige Suche nach Unterdrückung und sozialer Ungerechtigkeit in der Literatur nervt mich persönlich kolossal, ganz davon abgesehen finde ich, dass Outlander äußerst positiv auffällt durch starke, vielschichtige Frauenfiguren auf allen Relevanzebenen innerhalb der Handlung. Zu diesen gehört auch die Schwester Jamies, eine vom Schicksal nicht begünstigte Frau, die sich auf dem Familiensitz in Abwesenheit ihres Bruders hervorragend bewährt und in vielen Situationen einen kühlen Kopf bewahrt, in denen die Männer dieses Körperteil lieber nutzen würden, um mit ihm die Wand zu durchbrechen.

Viele Sexszenen hat der Roman allerdings tatsächlich, auch viele, in denen die Frau nahezu unterdrückt wird, jedenfalls nicht immer allzu begeistert ist – im ersten Moment. Wirkliche Vergewaltigungen hingegen werden ausdrücklich verdammt, zudem ist der Stil der Beschreibungen ein erstaunlicherweise nicht abstoßender, eine Leistung, die nur sehr wenigen Autoren gelingt.

Mein Wort zum Mittwoch. Nun werde ich weiter im Fernweh schwelgen, dass dieser wunderbare Roman in mir ausgelöst hat und versuchen zu entscheiden, ob ich den zweiten Band lesen möchte. Der beginnt leider mit einem Zeitsprung von zwei Jahrzehnten, was mich doch wieder sehr stark abschreckt. Mir gefallen lückenlose Handlungen einfach besser. Von den repetitiven Elementen der Handlung dieses ersten Bandes blieb mir nichts so sehr im Gedächtnis, wie seine vielen abwechslungsreichen, positiven Anteile.

Miguel Ángel Asturias – Sturm

Reisen dient ja vielen Dingen, unter anderem auch immer wieder der Erweiterung des eigenen Horizontes in jeglicher Hinsicht. Doch auch, wenn ich geraume Zeit in Peru verbracht habe, ist die Literatur Süd- und Mittelamerikas mir, zu meiner Schande, größtenteils unbekannt. Dabei hat dieser Kontinent einige großartige Autoren hervorgebracht, denen international Anerkennung gezollt wurde und wird. Dazu gehört auch Miguel Ángel Asturias, der Nobelpreisträger für Literatur von 1967. Meine Eltern reisten vor vielen Jahren ein halbes Jahr durch Mittelamerika und brachten von dort nicht nur unendlich viele phantastische Geschichten mit, sondern auch ein umfassendes Interesse für die Literatur und Geschichte dieser Länder. Von meinem Vater erhielt ich also vor kurzem, nach einem Gespräch über das Reisen im Allgemeinen und die heutige Situation Mittelamerikas, die es kaum noch möglich macht, diese Länder gefahrlos zu erkunden, den ersten Band der „Bananen-Trilogie“ des Guatemalteken Asturias, Sturm. Ein kurzes Büchlein, die deutsche Ausgabe hat nur 170 Seiten, aber ein unglaublich kraftvolles.

Die zugrundeliegende Handlung spielt sich auf den Bananenplantagen ab, die in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in Guatemala entstanden. Dort leben einige US-Amerikaner, Mitarbeiter eines riesigen Fruchtkonzerns, unter den einheimischen Arbeitern. Die Handlung ist nicht stringent, sie springt durch Zeit, Personen und Orte, erzählt einzelne Episoden aus dem Kampf um die Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit der Banenenpflanzer. Asturias präsentiert ein Kaleidoskop der Armut, Anstrengung, Krankheit und Verausgabung, doch zugleich der Hoffnung. Alle hoffen auf ein besseres Leben als im kargen Inland, wenn sie sich an die Küste auf die Plantagen begeben. Alle hoffen auf Geld und Erfolg und werden immer wieder von den ausbeuterischen Großkonzernen betrogen. Doch sie geben nicht auf.

Allgegenwärtig ist die feuchte Hitze, die es kaum möglich macht, zu atmen, die jeden Menschen irgendwann in die Knie zwingt. Doch sie liegt über Geldschein-grünen Bananenstauden, wunderschönen Seen, Erholung am Meer. Die Beschreibungen der Natur sind von einer Ausdrucksstärke, wie man sie kaum jemals findet und darin, viel mehr als in der rudimentären Handlung, liegt die Macht des Romans. Ein poetisches Zeitzeugnis aus einem Land, das hier kaum jemals Erwähnung findet.

Fjodor M. Dostojewskij – Die Brüder Karamasow

Dostojewskij und mich wird wohl immer eine Hassliebe verbinden, denn auch, wenn mir die Bedeutung von Schuld und Sühne für die Literatur berechtigt erscheint, so habe ich es doch gehasst, diesen Roman zu lesen. Dennoch, aus Ehrgeiz oder welchem Grund auch immer, beschloss ich, ihm noch eine Chance zu geben und las den ungleich viel längeren Roman Die Brüder Karamasow – in wesentlich kürzerer Zeit und mit außerordentlichem Vergnügen. Er kann es also doch, kann Romane schreiben, die ich nicht nur zu würdigen, sondern zu genießen in der Lage bin.

Verkauft wird der umfangreiche Bericht über die Brüder Karamasow gern als Kriminalroman, wohl unter anderem, um in unserer heutigen, Krimi-verliebten Zeit noch einen Absatzmarkt dafür aufzutun. Doch der Roman ist so viel mehr, was schon allein darin durchscheint, dass der Mord erst nach knapp 600 Seiten Wirklichkeit ist, auch wenn er zuvor immer angedeutet wird. In meinen Augen waren der großen Themenbereiche drei, die ich kurz umreißen möchte.

1. Die Rolle der Kirche und das Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Der Frage nach der Kirchengerichtsbarkeit und dem anzustrebenden Grad an Trennung oder Vereinigung zwischen Kirche und Staat wird gerade zu Beginn sehr viel Raum gegeben. Der Starez Sosima, ein extrem positiv dargesteller Charakter, vertritt die Ansicht, der Staat müsse zur Kirche werden, es müsse vor allem im Hinblick auf Verbrechen soweit kommen, dass die Kirche zu Gericht sitzen kann, Verbrecher aus ihren Reihen auschließen kann und somit der Kriminalität einen viel abschreckenderen Aspekt bieten als bei einer weltlichen Gerichtsbarkeit. Da diese nämlich unnötig grausam sei, fühle sich die Kirche unter ihr gezwungen, mit den Verbrechern Mitleid zu haben und somit werde die Sünde nicht gestraft, sondern vergeben. Erst wenn der Staat zur Kirche würde, könne man tatsächlich sinnvolle Prävention leisten.

Dass diese Meinung von einem der zwei unbestritten positiven Charaktere vorgebracht wird, lässt den Autor dahinter vermuten, auf jeden Fall wird diese Meinung innerhalb des Romans am überzeugendsten vertreten. Im weiteren Verlauf klingt die Fragestellung immer wieder an, denn es handelt sich doch tatsächlich um ein schweres Verbrechen, das begangen wird. Die einleitende Auseinandersetzung mit der Kirchengerichtsbarkeit stellt die Möglichkeit in den Raum, dass der Mord hätte verhindert werden können, worauf auch einige andere Aussagen hindeuten.

2. Das Russentum. Die russische Literatur beschäftigt sich immer wieder ausführlich mit der Frage danach, was den Russen auszeichnet und wodurch der „russische Charakter“ definiert ist. Die Relevanz, die ihre Nationalität für die Russen hat, fand ihren Weg sogar in die Romane von Schriftstellern anderer Nationalitäten, so ist der „Russentisch“ der einzige, an dem sich im Lungensanatorium, das Thomas Mann in seinem Zauberberg beschreibt, Menschen einer Nationalität zusammenschließen, während in allen anderen Begegnungen die Herkunft aller Patienten nicht die geringste Rolle spielt. Dostojewskij ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Seine Dialoge sprechen vom „russischen Volk“, der Verbundenheit mit dem „heimatlichen, russischen Boden“, von den „russischen Gerichten“ und ihrer Vorbildfunktion für die ganze Welt. Dass Russisch-Sein bedeutsam ist, daran besteht kein Zweifel.

Doch betrachtet man die dargestellten Menschen, so bleibt nur ein Schluss übrig: Der Russe ist krank. Er mag ein ehrbarer, aufrichtiger Mensch mit guten Absichten sein, aber in vielerlei Hinsicht wird er geplagt, physisch wie psychisch. Die Frauen sind lahm und neigen zur Hysterie, immer wieder verfallen sie in Gekreisch, erleiden Zusammenbrüche und steigern sich übermäßig in ihre Gefühle hinein. Die Männer erkranken oft am „Nervenfieber“ und verlieren am Ende zahlreich den Verstand, wenn sie nicht vorher an der Schwindsucht sterben. Das Bild, das Dostojewskij vom Zustand seiner Nation zeichnet, ist vernichtend.

3. Der Kriminalroman. Denn natürlich ist Die Brüder Karamasow ein Kriminalroman, nach dem klassischen „whodunit“-Schema wird nach dem Mörder gesucht. Motive werden erörtert, Beweise vorgelegt und vernichtet, Lügen erzählt, Verdächtigungen ausgesprochen, es passiert alles, was der moderne Krimileser sich wünscht. Vollkommen zuverlässig wird die Schuldfrage nicht geklärt, auch wenn nachvollziehbare Argumente für eine Vermutung erbracht werden. Mein Verdacht, den ich sehr früh entwickelte, bestätigte sich nicht, die Irreführung ist äußerst gelungen.

Großartig. Ich bin für den schwierigen ersten Versuch, mich den Werken Dostojewskijs zu nähern, versöhnt. Neben Tolstoi steht er mit diesem Roman noch nicht, aber er rückt deutlich weiter in seine Nähe.

Umberto Eco – Das Foucaultsche Pendel

Mit Umberto Eco starb am 19. Februar diesen Jahres einer der Größten der Literatur und Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts. Lange, bevor er Romane schrieb, war er schon ein anerkannter Sprach- und Literaturwissenschaftler, seine Einführung in die Semiotik gilt bis heute als Standardwerk. Weltbekannt wurde er durch seinen Roman Der Name der Rose, nicht zuletzt wohl aufgrund der Verfilmung mit Sean Connery in der Hauptrolle, die in dem Ruf steht, eines der seltenen Beispiele dafür zu sein, dass ein Film besser ist als das Buch, auf dem er basiert. Auch wenn ich den Film mag – diese Meinung teile ich nicht, denn er reduziert dieses unglaublich vielschichtige, extrem intertextuelle Werk zum größten Teil auf die Lesart als Kriminalroman, was ihm absolut nicht gerecht wird.

Von ebensolcher Vielfalt an Zitaten und Beziehungen zu anderen Werken ist der zweite, ebenfalls weltweit erfolgreiche Roman Ecos Das Foucaultsche Pendel (1988). Die Rahmenhandlung lässt sich noch einigermaßen zusammenfassen; im Zentrum steht der Ich-Erzähler Casaubon, der während seiner Dissertation über die Templer bereits einige seltsame Gestalten trifft, unter anderem einen Herrn Agliè, der sich als der Graf von Saint-Germain ausgibt. Später landet Casaubon in einem kleinen Wissenschaftsverlag, der beginnt, eine Buchreihe über recht esoterische Themen herauszubringen, immer wieder kommen dabei die Templer, aber auch die Rosenkreuzer ins Spiel, nicht zu schweigen von Unmengen immer verrückterer Gestalten, aber auch historischen Personen wie Francis Bacon. Angetrieben von diesen weit verzweigten Verschwörungstheorien, mit denen Casaubon und seine Kollegen täglich bei der Arbeit an diesen Manuskripten konfrontiert werden, beginnen sie, ihre eigene zu entwickeln, eine die ganze Welt umfassende Verschwörung, die ihren Anfang bei den Templern macht, beginnt, Gestalt anzunehmen. Problematisch wird es, als sie selbst nicht mehr vollkommen überzeugt sind, frei zu erfinden, und vor allem eine Gruppe von Menschen auftaucht, die diese Spekulation vollkommen ernst nimmt.

So viel zur Handlung. Sie gibt dem Geschehen einen Rahmen, sie bringt Spannung hinein und ist für sich genommen schon so verrückt, dass es Spaß macht, sie zu lesen. Viel wichtiger aber bei Eco ist sein Erzählverfahren. Er springt in der Zeit, im Zickzack durch die Handlung, mit Rückblenden und Vorausdeutungen, die vollkommen willkürlich aneinandergereiht wirken, aber dennoch eine sinnvolle Einheit bilden. Ständig ist man neugierig, will wissen, was diese seltsamen Vögel antreibt, mit denen man es zu tun bekommt und verliert irgendwann, genau wie die Protagonisten, ein bisschen den Halt in der Realität, beginnt sich zu fragen, wie viel davon möglicherweise stimmen könnte.

Ecos Romane sind Collagen aus Zitaten, sie spielen mit Andeutungen und Hinweisen auf die ganze literarische Welt. Es ist schier unglaublich, wie belesen Eco war, es scheint, als könne man jeden Satz seiner Werke auf andere beziehen, jede seiner Formulierungen kann man irgendwo wiederfinden, wenn man nur lange genug gräbt. Mir wird sich nur ein Bruchteil dieser Anspielungen erschlossen haben und selbst von dem wenigen, das ich zuordnen konnte, war ich überwältigt. Phasenweise hat man das Gefühl, keinen Roman zu lesen, sondern einen Auszug aus der Auflistung eines literarischen Kanons – nur viel fesselnder.

Manche Elemente der dargebrachten Theorien sind so aberwitzig, dass man nur darüber lachen kann, wie beispielsweise die Verkettung von Ghostwritern, die an einer Stelle vermutet wird: Ein gewisser Kelley habe anstelle von Shakespeare dessen Dramen und Sonette verfasst, weil Shakespeare damit beschäftigt war, die Werke zu schreiben, auf denen der Name Francis Bacons stehe würde. Der, eigentlich in der Lage, seine Arbeit selbst zu tun, habe dazu keine Zeit gehabt, denn er habe Rosenkreuzer-Manifeste unter dem Namen Andreae verfasst. Der Herr Andreae aber, dem man diese Werke zuschrieb, war selbst der Ghostwriter Miguel de Cervantes’, schrieb also den berühmten Roman, dessen Titel heute zumeist mit Don Quijote abgekürzt wird. Das relevante Element in dieser Abfolge ist vor allem die eigentliche Arbeit Bacons – der habe nämlich eine andere als die seine, englische Gruppe von Templern aus der Reserve locken wollen. So für sich genommen klingt dies, als habe es sich ein vollkommen irrer Spinner ausgedacht, in der Argumentation des Romans erscheint es logisch. Dieses Gefühl hat man während der Lektüre des Roman wiederholt und am Ende bleiben Verwirrung und die Frage, wie viel von dem, was er da verknüpft hat, Eco selbst geglaubt, wie viel er erfunden und wie viel er sich von anderen Verschwörungstheoretikern abgeguckt hat. Eine Frage, die man wohl nicht beantworten kann, aber den Roman zu lesen kann ich jedem nur ans Herz legen, gerade jetzt, als letzte Ehrung dieses großen Mannes.