Paulo Coelho – Veronika beschließt zu sterben

von obstivision

Wenn die Dinge, die man gern tut, zur Pflicht werden, beginnen sie gleichzeitig, zur Last zu werden. So sehr Lesen normalerweise entspannt, so ermüdend wird es, wenn man es tun muss, zu welchem Zweck auch immer. So leicht einem die Worte aus der Hand fließen, wenn man etwas zu sagen hat, so schwerfällig setzt man unter Druck die Sätze zusammen. Die Therapie ist einfacher, als man denkt, denn sie ist der Schritt zurück: Lesen wieder um seiner selbst Willen, lesen von Dingen, die man lesen will und das Schreiben von Worten, die herausdrängen, nicht gezwungen werden müssen.

So kam ich zu Veronika beschließt zu sterben von Paulo Coelho. Kein Buch, das ich mir selbst ausgesucht hätte, doch gehört habe ich davon oft und als meine Mutter es aussortierte, fiel es mir in die Hände. Veronika, 24, ist unzufrieden mit ihrem Leben und versucht, es sich mithilfe von Schlaftabletten zu nehmen. Sie überlebt, hat aber einen so starken Herzschaden davongetragen, dass ihr nach Erwachen aus dem Koma nur noch etwa eine Woche verbleibt. Die verbringt sie in einer psychiatrischen Klinik, wo sie lernt, dass das Leben doch interessante Seiten hat, und beginnt, den Selbstmordversuch zu bereuen. So weit, so vorhersehbar. Der wenig reflektierte Eindruck von Veronikas Denken und Handeln, den diese Zusammenfassung hoffentlich erweckt, ist im Roman noch deutlicher. Weder ihr Entschluss zum Selbstmord noch ihr späterer Sinneswandel erschienen mir allzu nachvollziehbar, sie wirkte verblendet, egozentrisch und unsympathisch.

Was den Roman dennoch lesenswert machte, waren die Nebenfiguren, einzelne Insassen der Klinik, die von Veronikas seltsamem Handeln berührt werden, deren Geschichte erzählt wird und die so viel realer und nachvollziehbarer wirken als die Hauptfigur, dass gerade dieser Kontrast sie zu liebenswerten Identifikationsfiguren werden lässt. Denn es sind Eduard, Mari und Zedka, die zeigen, dass ein bisschen Verrücktheit im Alltag sein muss, damit man zu sich selbst stehen kann, dass es gut ist, nicht normal zu sein. Wenn man auf diese drei achtet, kann man an den seltsamen, zusammengslosen Dialogen mit dem Arzt der Klinik vorbeisehen und erkennen, dass dieser Roman irgendwie ein Plädoyer für das Leben ist. Überzeugt hat er mich allerdings nicht.

Alle Figuren des Romans beschließen, ihr Leben zu verändern, oder brechen zunächst einmal zusammen, nachdem sie mit Vorbildern in Kontakt gekommen sind, die mit allen Konventionen brechen und darüber hinausgehen. Der fade Beigeschmack einer viel zu deutlichen, aufdringlichen Verhaltensanweisung ließ sich bei der Lektüre nicht abwenden, immer wieder wurde auf diesem Punkt herumgehackt, viel zu ausführlich betont, warum es unumgänglich ist, auszubrechen. Vor allem aber stellte der Autor selbst sich zu stark ins Rampenlicht und in die Reihe dieser großen Namen, als dass ich es ihm hätte abkaufen können. Veronikas Überleben am Ende macht die ganze Erzählung nur noch seichter und inhaltsärmer.

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