Fjodor M. Dostojewskij – Die Brüder Karamasow

von obstivision

Dostojewskij und mich wird wohl immer eine Hassliebe verbinden, denn auch, wenn mir die Bedeutung von Schuld und Sühne für die Literatur berechtigt erscheint, so habe ich es doch gehasst, diesen Roman zu lesen. Dennoch, aus Ehrgeiz oder welchem Grund auch immer, beschloss ich, ihm noch eine Chance zu geben und las den ungleich viel längeren Roman Die Brüder Karamasow – in wesentlich kürzerer Zeit und mit außerordentlichem Vergnügen. Er kann es also doch, kann Romane schreiben, die ich nicht nur zu würdigen, sondern zu genießen in der Lage bin.

Verkauft wird der umfangreiche Bericht über die Brüder Karamasow gern als Kriminalroman, wohl unter anderem, um in unserer heutigen, Krimi-verliebten Zeit noch einen Absatzmarkt dafür aufzutun. Doch der Roman ist so viel mehr, was schon allein darin durchscheint, dass der Mord erst nach knapp 600 Seiten Wirklichkeit ist, auch wenn er zuvor immer angedeutet wird. In meinen Augen waren der großen Themenbereiche drei, die ich kurz umreißen möchte.

1. Die Rolle der Kirche und das Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Der Frage nach der Kirchengerichtsbarkeit und dem anzustrebenden Grad an Trennung oder Vereinigung zwischen Kirche und Staat wird gerade zu Beginn sehr viel Raum gegeben. Der Starez Sosima, ein extrem positiv dargesteller Charakter, vertritt die Ansicht, der Staat müsse zur Kirche werden, es müsse vor allem im Hinblick auf Verbrechen soweit kommen, dass die Kirche zu Gericht sitzen kann, Verbrecher aus ihren Reihen auschließen kann und somit der Kriminalität einen viel abschreckenderen Aspekt bieten als bei einer weltlichen Gerichtsbarkeit. Da diese nämlich unnötig grausam sei, fühle sich die Kirche unter ihr gezwungen, mit den Verbrechern Mitleid zu haben und somit werde die Sünde nicht gestraft, sondern vergeben. Erst wenn der Staat zur Kirche würde, könne man tatsächlich sinnvolle Prävention leisten.

Dass diese Meinung von einem der zwei unbestritten positiven Charaktere vorgebracht wird, lässt den Autor dahinter vermuten, auf jeden Fall wird diese Meinung innerhalb des Romans am überzeugendsten vertreten. Im weiteren Verlauf klingt die Fragestellung immer wieder an, denn es handelt sich doch tatsächlich um ein schweres Verbrechen, das begangen wird. Die einleitende Auseinandersetzung mit der Kirchengerichtsbarkeit stellt die Möglichkeit in den Raum, dass der Mord hätte verhindert werden können, worauf auch einige andere Aussagen hindeuten.

2. Das Russentum. Die russische Literatur beschäftigt sich immer wieder ausführlich mit der Frage danach, was den Russen auszeichnet und wodurch der „russische Charakter“ definiert ist. Die Relevanz, die ihre Nationalität für die Russen hat, fand ihren Weg sogar in die Romane von Schriftstellern anderer Nationalitäten, so ist der „Russentisch“ der einzige, an dem sich im Lungensanatorium, das Thomas Mann in seinem Zauberberg beschreibt, Menschen einer Nationalität zusammenschließen, während in allen anderen Begegnungen die Herkunft aller Patienten nicht die geringste Rolle spielt. Dostojewskij ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Seine Dialoge sprechen vom „russischen Volk“, der Verbundenheit mit dem „heimatlichen, russischen Boden“, von den „russischen Gerichten“ und ihrer Vorbildfunktion für die ganze Welt. Dass Russisch-Sein bedeutsam ist, daran besteht kein Zweifel.

Doch betrachtet man die dargestellten Menschen, so bleibt nur ein Schluss übrig: Der Russe ist krank. Er mag ein ehrbarer, aufrichtiger Mensch mit guten Absichten sein, aber in vielerlei Hinsicht wird er geplagt, physisch wie psychisch. Die Frauen sind lahm und neigen zur Hysterie, immer wieder verfallen sie in Gekreisch, erleiden Zusammenbrüche und steigern sich übermäßig in ihre Gefühle hinein. Die Männer erkranken oft am „Nervenfieber“ und verlieren am Ende zahlreich den Verstand, wenn sie nicht vorher an der Schwindsucht sterben. Das Bild, das Dostojewskij vom Zustand seiner Nation zeichnet, ist vernichtend.

3. Der Kriminalroman. Denn natürlich ist Die Brüder Karamasow ein Kriminalroman, nach dem klassischen „whodunit“-Schema wird nach dem Mörder gesucht. Motive werden erörtert, Beweise vorgelegt und vernichtet, Lügen erzählt, Verdächtigungen ausgesprochen, es passiert alles, was der moderne Krimileser sich wünscht. Vollkommen zuverlässig wird die Schuldfrage nicht geklärt, auch wenn nachvollziehbare Argumente für eine Vermutung erbracht werden. Mein Verdacht, den ich sehr früh entwickelte, bestätigte sich nicht, die Irreführung ist äußerst gelungen.

Großartig. Ich bin für den schwierigen ersten Versuch, mich den Werken Dostojewskijs zu nähern, versöhnt. Neben Tolstoi steht er mit diesem Roman noch nicht, aber er rückt deutlich weiter in seine Nähe.

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