Des Lesers Ehrfurcht

von obstivision

Literatur ist nahezu der einzige Weg, auf dem wir Einblick in die Lebensweise lang vergangener Zeiten erhalten. Wann immer ich einen Text lese, der im Mittelalter verfasst wurde – wenn auch aus Gründen der Verfügbarkeit und des Verständnisses mindestens in normalisierter Ausgabe, oft in Übersetzung – ergreift mich eine tiefe Ehrfurcht bei dem Bewusstsein, wie viele Jahrhunderte diese dichterischen Glanzleistungen überdauert haben. Denn seien wir mal ehrlich: Verse werden heute kaum noch geschrieben, schon garnicht 20000 am Stück, der Umfang des Tristan Gottfrieds von Straßburg, den er nicht einmal vollendete.

Gerade in den Artusromanen findet sich eine buntglitzernde Wunderwelt voller Phantasie, Prunk und Feierei, aber genauso gefüllt mit Kämpfen, Intrigen und ausgesprochen viel Humor. Die Vorstellung vom Mittelalter, die heutzutage vorherrscht, ist entweder romantisch ueberzeichnet oder düster und bedrückend. Die Literatur dieser Zeit bietet jedoch ein anderes Bild, eines nämlich, aus dem Lebensfreude und die Wertschätzung der Geselligkeit bei Mahlzeit, Musik und Dichtervortrag sprechen.
Tiefes Leid und Verzweiflung existieren, doch gilt es in den Romanen immer, diese Gefühle zu überwinden und das blühende Leben wiederherzustellen.

Erstaunen mag, wo doch der große Stellenwert der Religion im Mittelalter unumstritten ist, der sexualisierte Gehalt der Erzählungen. Zutiefst vulgäre Schwankerzählungen von Ehebrecherinnen und lüsternen Pfaffen auf der einen Seite mögen noch als Unterhaltung für das einfach Volk abgetan werden, aber auch in den großen Romanen über die Artusritter sind die Zweideutigkeiten recht eindeutig und die Untertöne deutlich.

hie huop sich herzeminne
nâch starkem gewinne.
si minneten sunder bette:
diu minne stuont ze wette,
sweder nider gelæge,
dem wart der tôt wæge.
mit scheften si sich kusten
durch schilte zuo den brusten
mit solher minnekrefte
daz die eschînen schefte
kleine unz an die hant zekluben
und daz die spiltern ûfe stuben.

Da erhob sich herzliche Liebe
nach großem Gewinn.
Sie brauchten kein Bett für die Liebe.
Das war das Ziel ihres Liebesverlangens:
wer von den beiden stürzte,
dem war der Tod zugemessen.
Sie küssten sich mit den Lanzen
durch die Schilde auf die Brust
mit solcher Leidenschaft,
dass die Eschenschäfte
bis an die Hand zersplitterten,
so dass die Späne umherflogen

Hartmann von Aue: Erec, V. 9106–9117; Übersetzung von Thomas Cramer

Wir lesen hier die Beschreibung eines Tjostes. Es geht in den Romanen um Ehre, um Liebe, um Respekt voreinander, selbst, wenn man sich hasst und bekämpft. Viele dieser Eigenschaften sind in unserer Welt verdreht, nahezu ins Gegenteil verkehrt worden, jeder denkt nur noch an seinen Vorteil. So ist es denn auch für unsere Gesellschaft ein verlorenes Gut, was sich unter dem Begriff des „höfischen Denkens“ fassen lässt, nämlich ein Leben voller Strukturen und voller Reflektion über das eigene Handeln.

Ich drifte ab. Was ich sagen will: Lest sie, lest Wolfram, Gottfried, Hartmann und genießt die Kunst, Worte so aneinander zu reihen. Genießt die Bildsprache, die aus diesen Werken entspringt, in denen noch heute, 800 Jahre später, jeder Edelstein zu glitzern scheint wie am ersten Tag, jede Mahlzeit duftet und euch das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt und deren Wälder dazu führen, dass man sich kaum des Wunsches erwehren kann, sein Pferd zu satteln und selbst auf die Jagd zu gehen. Fühlt die Ehrfurcht, die sich einstellt, wenn man liest, was vor so unfassbar langer Zeit und schwersten Bedingungen zu Pergament gebracht wurde, stellt euch vor, wie die Autoren an ihren Schreibpulten standen, die spitze Feder in der Hand, und stundenlang überlegten, bevor sie die Worte niederschrieben, denn das Material war zu kostbar für viele Fehler. Spürt die Kunst!

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