Thomas Mann – Der Zauberberg

von obstivision

Im letzten Post erwähnte ich bereits, wie schwer es mir fiel, Thomas Manns Der Zauberberg zu lesen. Nach fast zwei Monaten habe ich es nun geschafft und bin fasziniert. Der Roman hat Längen, man liest philosophische Gespräche, die der Protagonist selbst nicht versteht und ist vollkommen ratlos ob der Frage, was sie dort sollen. Man wundert sich immer wieder über die Abwesenheit von Handlung, denn genaugenommen geschieht einfach nichts. Ein junger Mann aus Hamburg besucht seinen Verwandten in einem Lungensanatorium im Hochgebirge und bleibt dort – letztlich für sieben Jahre und wesentlich länger als der, den er eigentlich besuchte.

Auf den ersten Blick ist es eine Form von Entwicklungsroman. Nicht im klassischen Sinne, nicht endend mit Heirat, aber in einem psychologischen Sinne. Der Charakter des jungen Mannes, Hans Castorp, verändert sich, gewinnt an Tiefe und Vielschichtigkeit. So weit, so simpel. Einige Figuren verbringen die Zeit mit ihm dort, andere kehren immer wieder einmal zurück, noch andere treten nur einmal, vorübergehend, in Erscheinung und sie alle nehmen unterschiedlich wichtige Rollen in Castorps Leben ein. Aber es passiert über hunderte Seiten hinweg nicht wirklich etwas und die wenigen Dinge, die geschehen, werden nur nebenbei erwähnt.

Was macht also den Reiz dieses Romans aus? Genau das. Die Nebensächlichkeit allen Geschehens, die Nebensächlichkeit der Zeit – oder vielmehr ihre vollkommene Nichtbeachtung – im Angesicht der Krankheit, vor allem aber die Nebensächlichkeit des Lebens selbst. Alle Menschen in dieser abgeschiedenen Bergwelt leben in den Tag hinein, der immer eine feste Struktur hat, denken gleichzeitig weit voraus bis zum nächsten Feiertag, bis zum nächsten Großereignis, wie auch nicht über den kommenden Tag nach. Sie alle sind krank, unterschiedlich schwer, aber doch krank. Dieser Umstand ist es, der sie in diese Einsamkeit verschlagen hat und dort zusammenschweißt, er ist es aber auch, was das Planen unmöglich macht. Niemand in der Romanrealität weiß, wie lange er noch zu leben hat, es sei denn er weiß, dass es nur noch wenige Tage oder Stunden sind. Man lebt.

Genau dieser Zustand löste in mir ein entsetzliches Sehnen aus. Es scheint von diesem Gedanken ein unendliches Glück auszugehen. Von der Vorstellung, sich niemals um die Zukunft Gedanken machen zu müssen, niemals darum, was oder wann man essen soll, wie man seinen Tag gestaltet. Vollkommen frei zu sein, ohne irgendwie genötigt zu sein, selbst Entscheidungen zu treffen. Dazu kam die Idee eines Ortes, an dem die restliche Welt nicht existiert, an dem sich alle Gespräche nur auf den Kreis der Anwesenden beziehen und man sich um Politik und weltweite Entwicklungen nicht schert.

In unserer heutigen Welt, die immer früher von uns verlangt, Entscheidungen zu treffen, die weitreichende Folgen haben, in der man schräg angesehen wird, wenn man etwas tut, weil es einem Spaß macht, ungeachtet der Möglichkeiten, damit Geld zu verdienen, oder sich sogar einfach nur treiben lässt, erweckte dieses Idyll ungeahnte Gefühle bei mir. Es ist eine Utopie, eine, die im Kleinen und Privaten ihren Platz findet. Die Krankheit ist in der Romanwelt nichts Negatives, ganz im Gegenteil. Auch darüber wird viel gesprochen und zu keinem Schluss gekommen, doch auch die Krankheit findet Erwähnung bei der Erörterung einr der wiederkehrenden Fragen: Der Frage nach der Menschlichkeit. Danach, was uns Menschen ausmacht. Sie wird nicht beantwortet, aber es finden sich viele Anregungen, wie man sie beantworten könnte.

Ein Roman, der zum Nachdenken anregt, besonders aber zum Sehnen. Ein zähes, langes Meisterwerk, durch das man sich quälen muss, mit dessen unwiderstehlicher Sogwirkung mich aber auch in Zukunft eine intensive Hassliebe verbinden wird.

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