Sogwirkungen

von obstivision

Die Schweigsamkeit, durch die ich mich hier zur Zeit auszeichne, hat zwei Gründe: Zum einen kam ich in der intensiven Zeit, in der ich meine Abschlussarbeit schrieb, kaum zum Freizeit-Lesen, zum anderen, und das gilt viel stärker für den aktuellen Zustand, habe ich meine Liebe zum Stricken entdeckt. Es gehen haeufig unbemerkt Stunden ins Land, an deren Ende mal wieder ein Wollknäuel aufgebraucht und eine Mütze fertiggestellt ist. Die ersten Weihnachtsgeschenke sind schon entstanden, Sockengarn für weitere ist gekauft. Im Laden die Wollknäule zu streicheln ist fast so schön, wie in einem Buchantiquaritat in die nur rudimentär sortierten Reihen einzutauchen und auf die Jagd nach verlorenen Schätzen zu gehen.

Nur leider lässt sich das Stricken sehr schlecht mit dem Lesen verbinden, so blind und ohne mich darauf zu konzentrieren klappt es dann doch noch nicht. Dennoch zieht mich diese meditative Tätigkeit immer wieder in ihren Bann und weckt in mir den Wunsch, gleichzeitig einer Welt näher zu sein, in der es eben nicht nur eine Freizeitbeschäftigung war, sondern wirklich nötig, um Kleidung herzustellen. Häufig lasse ich nebenbei Filme laufen, zuletzt die Adaption von Jane Austens „Persuasion“ von 1995, aber wenn man die nur hört, geht einem doch viel verloren. So kam ich dann letztlich zu den Hörbüchern, die ich bisher immer so stark abgelehnt habe. Wenn sie gut gemacht sind (und auf LibriVox gibt es durchaus hohe Qualität), nehmen sie einen mit auf eine Reise in die Welt der Romane, die zwar anders ist, als wenn man selbst läse, aber dennoch sehr einnehmend. Derzeit läuft, sofern ich allein zuhause bin, Charles Dickens’ Great Expectations. Von ihm las ich im Frühjahr bereits A Tale of Two Cities, das mich in seiner Eindringlichkeit nahezu erschlug, dieser Roman steht dem in nichts nachm zumal es eine hervorrangend gelesene Vertonung gibt. Zuvor hörte ich Der Tod des Ivan Iljitsch von Tolstoi, das schon lange darauf wartete, gelesen zu werden.

Doch auch in anderen Lebensbereichen entwickeln sich Sogwirkungen, die mich immer wieder zur Literatur treiben. Mein Konsum von Schwarztee ist schon immer sehr hoch gewesen, manchmal entwickelt er gruselige Ausmaße und wenn ich zu einem russischen Rauchtee greife, muss ich nur eine Nase voll von seinem Aroma nehmen und wünsche mich sofort in einen Roman von Tolstoi oder Dostojewskij.

Bei allem Stricken und Hören habe ich das Lesen natürlich nicht vollkommen aufgegeben. Walter Scott hat endlich den Weg in meine Hände gefunden und weckt extreme Sehnsucht nach Schottland – wieder ein Sog, der von Büchern ausgeht. Zu Waverly fehlten mir die Worte, doch The Heart of Midlothian ist zu zwei Dritteln gelesen und wird hoffentlich seinen Weg auf diese Plattform finden. Zunächst muss da aber noch ein aktuelles Strickprojekt beendet werden.

Advertisements