Die Lust zu lesen

von obstivision

Es gibt Dinge, auf die kann man nicht länger als einige Tage verzichten, wenn man seine innere Ruhe nicht verlieren möchte. Bei mir sind es zwei: Mein Pferd und das Lesen. Während ich immerhin im Urlaub auch gut mal einige Wochen ohne das Pferd überstehe, wird man mich nichtmal zu einer Übernachtung ohne Buch aus dem Haus gehen sehen. Mindestens eine halbe Stunde am Tag muss mit einem Buch in der Hand verbracht werden, am Besten noch mit einem Tee dazu, sonst werde ich unruhig, unzufrieden und ungenießbar. Doch was ist es eigentlich, das uns alle immer wieder in die Arme der fremden Welten treibt, die sich uns schwarz auf weiß in Büchern eröffnen?

Es können viele verschiedene Gründe sein, doch einige wird man in verschiedenen Lebenslagen immer wieder treffen und sie finden sich passenderweise in den Werken der von mir erwähnten Großen Vier meiner liebsten Autoren wieder. Weit oben steht wohl der Wunsch nach Liebe und heiler Welt. Während um uns herum alles schief zu gehen scheint, die Welt immer mehr zugrunde geht und unser eigenes Liebesleben womöglich auch nicht das ist, was wir uns wünschen, flüchten wir uns in andere Gefilde, an Orte und in Leben, die langsamer gehen und vor allem viel glücklicher und erfüllter sind. Während auch viele Jugendromane und phantastische Erzählungen solche Elemente mit sich bringen, so steht doch ganz oben auf der Liste derer, die dieses Gefühl zu bedienen wissen, eine Autorin: Jane Austen. Man weiß, ihre Romane enden immer glücklich, das füreinander bestimmte Paar findet sich und alle Widerstände werden überwunden. Mit diesem beruhigenden Gedanken kann man sich ganz in die wundervoll gelassene Welt Englands im ausgehenden 18. Jahrhundert vertiefen und nebenbei vom eigenen Mr. Darcy oder Mr. Knightley, von der eigenen Lizzie oder Emma träumen. Denn auch, wenn die Hauptpersonen der Romane immer die Frauen sind, glaube ich, dass auch Männer hier Seelenruhe und Zufriedenheit finden können, wenn sie sich trauen, diesen Geschichten eine Chance zu geben.

Als jemand, der gern reist, ist es auch oft das Fernweh, das mich zu den Büchern treibt. Während es Menschen gibt, die Tolkien verfluchen für seine seitenlangen Landschaftbeschreibungen, kann ich davon kaum genug bekommen, verliere mich in der Vorstellung dieser wunderschönen Natur, die er so gekonnt detailreich zeichnet und freue mich, wenn ich an Orte komme, die ein winzig kleines bisschen aussehen wie Mittelerde, das in meiner Vorstellung ohnehin zum größten Teil in Schottland liegt, meinem liebsten Reiseziel und Gegenstand von Auswanderungs-Tagträumereien. Gute Landschaftsbeschreibungen sind es auch, die mich dazu bringen können, ein Buch lesen zu wollen. Der Zauberberg von Thomas Mann ist da so ein Kandidat. Nachdem ich mich lange vor diesem Autor gescheut habe, hörte ich jemanden darüber klagen, dieses Buch sei so voller ausführlicher Beschreibungen der Bergwelt und lese sich daher unglaublich zäh. Noch am gleichen Tag habe ich das Buch bestellt. Auch wenn ich von der unerwartet geringen Zahl der Landschaftsbeschreibungen eher enttäuscht war und stattdessen einige philosophische Diskussionen den Roman tatsächlich eher zäh machen, so konnte ich mich seiner Sogwirkung doch nicht entziehen und kämpfe mich durch, auch wenn es ungewöhnlich lange dauert.

Das bringt mich direkt wieder zu einem weiteren Grund zu Lesen: Ehrgeiz. Reiner, schlichter Ehrgeiz, der Wunsch, behaupten zu können, man habe ein Buch gelesen. Das und nichts weiter war es, was mich Tolstois Anna Karenina lesen ließ, über das ich weiter nicht viel wusste und dessen Autoren ich nicht einschätzen konnte. Nicht gerechnet hatte ich damit, wie intensiv, berührend und fesselnd Tolstoi zu erzählen vermag. Kaum hatte ich sein eines großes Werk gelesen, verschlang ich auch das zweite, noch viel größere: Krieg und Frieden. Monumental und umfangreich hielt es mich fest, ich konnte es nicht aus Hand legen und war traurig, als ich das Ende erreichte. Seitdem verschlinge ich, was ich von diesem Autoren in die Hände bekomme. Die kurzen Erzählungen Der Schneesturm und Leinwandmesser nahmen mich auf bisher ungekannte Weise gefangen und werden sicher immer wieder gelesen werden, wenn es nötig ist, mich durch die einfache Schönheit von Sprache aus einem Loch zu holen.

All diese Gelüste lassen sich zumeist mit Erzählungen befriedigen, die in unserer Welt spielen. Doch wie erklärt man dann die Popularität von phantastischen Romanen, von Magie, Zauberwesen und verwunschenen Welten? Das ist die Freude an der Imagination, der Flucht aus dem Bekannten und der Lust daran, die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft auszuloten. Je unwirklicher uns die Gegenstände solcher Romane erscheinen, desto fesselnder können sie sein, wenn sie stimmig erzählt sind. Ein Meister der Magie ist Brandon Sanderson. Nachdem er sich intensiv mit der Theorie dahinter befasst hat, gelingt es ihm immer und immer wieder, schlüssige, abwechslungsreiche und neue Arten der Magie zu erdenken und nimmt den Leser mit in Welten, in denen Farben, Metalle und die Energie eines Sturms den Menschen zu unglaublichen Dingen befähigen.

Natürlichen können und sollen Romane mehrere dieser Anforderungen gleichzeitig zu erfüllen in der Lage sein, sollen eine wunderbare Liebesgeschichte in einer phantastischen Welt erzählen, sollen die Landschaften unserer Welt von Magie durchdrungen sein lassen. Vor allem sollen sie eins: Schön sein. Der Wunsch nach ästhetischen Erfahrungen ist es doch zuletzt, was uns alle immer wieder zurück zu den Büchern treibt, dazu, immer mehr zu lesen und nicht aufhören zu wollen. Wenn ich abends im Bett liege und erfolglos versuche, einzuschlafen, tut es mir Leid um die Zeit, die ich mit lesen hätte verbringen können. Wenn ich im Bus sitze, wünsche ich mir, die Zeit lesend nutzen zu können, was die dadurch auftretende Übelkeit leider verhindert. Immer, wenn meine Gedanken schweifen, wünsche ich mir ein Buch. Denn das bedeutet für mich die Lust am Lesen: Der dauernde Wunsch, die Möglichkeit zu haben, gerade jetzt lesen zu dürfen.

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