Archipel GULAG und 1984

von obstivision

Zur Zeit lese ich Archipel GULAG von Alexander Solschenizyn und 1984 von George Orwell parallel. Während ersteres, erschienen in den 1970er Jahren, verfasst aber um einiges früher, von den realen Umständen in der Sowjetunion von ihrer Gründung bis zum zweiten Weltkrieg berichtet, von Verhaftungen, Schauprozessen und absolut irrwitzigen Anklagepunkten, beschreibt letzteres eine dystopische Zukunft (aus der Sicht des Jahres 1949), ein London im Jahr 1984, das Teil des Riesenreichs Oceania ist, in dem absolute Überwachung nicht nur der Handlungen und Äußerungen, sondern sogar der Gedanken eines Menschen vollkommen etabliert sind. Ein Freund sagte zu 1984, er glaube, „dass es sich gg. Russland richtete, und den erwarteten sowjetischen Kommunismus beschreibt, wie er in Großbritannien und im Westen aussehen würde.“ Eine interessante These, denn der Gedanke, dass Orwell die Zustände in der Sowjetunion beschreibt, war der erste, der sich mir aufdrängte.

Die Ähnlichkeiten sind überall zu spüren, schließlich sind die jeweils beschriebenen politischen Systeme extrem stark von Überwachung und exekutiver Willkür gegenueber den eigenen Bürgern geprägt, aber es gibt Momente, in denen sie sich besonders stark aufdrängen: Das Thoughtcrime und einige Begriffe des Newspeak, der offiziellen Sprache der Regierung in 1984. Vor allem der zentrale Begriff des Doublethink, der eigentlich nichts weiter bedeutet, als eine gute versteckte Doppelmoral, tritt hier hervor. Auch, oder vielleicht sogar zuallererst, in der Praxis der scheinbar grundlosen Verhaftungen und Hinrichtungen riesiger Bevölkerungsgruppen, findet sich die UdSSR in Orwells Roman wieder, der hier sogar noch harmloser wirkt, als die Beschreibungen Solschenizyns es von der Macht Russland und über sein eigenes Gebiet und die von ihm abhängigen Staaten vermuten lassen – ein Zeichen dafür, dass man garnicht so krass denken konnte, wie Lenin und vor allem Stalin gehandelt haben? Betrachten wir die einzelnen Punkte genauer.

Doublethink definiert Orwell folgerndermaßen:

The power of holding two contradictory beliefs in one’s mind simultaneously, and accepting both of them.

Diese Fähigkeit sei nötig, damit die Parteimitglieder, die um das Lügengebaeude, auf dem ihre Macht basiert, wissen, nicht selbst die Basis dieser Macht beseitigen müssen. Wuerden sie anerkennen, dass ihre Herrschaft auf reinen Lügen und Betrug an der Bevölkerung basiert, müssten sie selbstverständlich diese Macht aufgeben, die ihnen nicht rechtmaessig zusteht. Gleichzeitig glauben sie aber, legitim zu herrschen. Der Weg zur von Solschenizyn beschriebenen Sowjetunion ist nicht weit. Einerseits beharrte die Justiz immer wieder darauf, dass alles dem Volk gehöre, dass deshalb alle Privatpersonen ihre Wertsachen abgeben mussten, dass die Kirchenbesitztümer dem Staat übergeben werden mussten, andererseits liebten sie aber ihren Luxus und waren extrem bestechlich, das Fallenlassen einer Anklage, oder wenigstens die Erleichterung einer Strafe, war fast immer zu haben – sofern der Preis stimmte.

Thoughtcrime ist das schlimmste Verbrechen, dass man nach Meinung der Partei in Oceania begehen kann. Es ist kein wirkliches Verbrechen, es sind nur Gedanken, die zu Verbrechen führen können. Wer verhaftet wird, der hat in den allermeisten Fällen noch nicht gegen die Partei gehandelt. Er wird verhaftet, um zu verhindern, dass er dies eines Tages tun könnte. Eine solche Argumentation führt zu einer Gesellschaft voller Angst, die sich kaum noch traut, überhaupt zu denken gleichzeitig aber auch zu einer vollkommenen Willkür seitens der Autoritäten, die den Menschen einfach einreden konnte, sie hätten im Schlaf Verräterisches gesprochen. Also genau das, was man in Russland antraf. Selbst die obige Aussage über den Grund der Verhaftungen tätigt Solschenizyn in fast demselben Wortlaut.

Begriffe neu schaffen, um eine eigene Systemsprache zu finden, ist ein Vorgang, der sich wohl in jeder Art von menschlicher Gesellschaft abspielt. Von Orwell systematisiert mündet dies im Newspeak, das heute noch immer eine geflügeltes Wort ist. Es zeichnet sich dadurch aus, möglichst wenig Worte zu besitzen, man brüstet sich in der Welt des Romans damit, den Umfang der Sprache immer weiter zu reduzieren, um damit auch die Fähigkeit der Menschen zum freien Denken einzuschraenken – etwas, das man auch durch die scheinbar wahllosen Verhaftungen erreichen will. Wenn es keine Worte mehr gibt, in die man seine Kritik am System fassen kann, so die Theorie, dann kann man die Kritik auch nicht mehr denken. Ansätze von diesem Vorgehen, vorallem in der Benennung staatlicher Organisationen wie der Geheimpolizei Tscheka oder dem Obersten Tribunal, einer Gerichtsinstanz, Obtrib, lassen sich auch in der Sowjetunion erkennen, die Solschenizyn beschreibt. Die Funktion wird hier nicht so ausdrücklich zu Wort gebracht, wie bei Orwell, doch die Tendenz ist zu erkennen, vor allem, wenn man verlgeichbare Newspeak-Begriffe heranzieht, wie die Bezeichnungen fuer die vier Ministerien in Oceania: Minitrue, Minipax, Miniplenty und Miniluv.

Der Weg, den Winston Smith, der Protagonist von 1984 geht, von gedanklichem und in privatem Rahmen tatsaechlichem Widerstand, über Folter und Gestehen aller ihm vorgeworfenen Verbrechen nach einer plötzlichen Verhaftung, bis hin zu gebrochener Akzeptanz des Systems, ist ein prototypischer. Solschenizyn betont immer wieder, welch grausame Methoden angewendet wurden, in welch nahezu kreativer Weise Menschen gebrochen und dazu gebracht wurden, alles zu gestehen, nur damit die Folter ein Ende nähme. Es ist genau das gleiche Vorgehen auf beiden Seiten.

Die jahrelange Abschiebung in Zwangsarbeitslager als Strafe für trivial erscheinende Verbrechen mag noch allgemein anerkannt sein, wie jedoch mit endgültig zu beseitigenden unerwünschten Personen umgegangen wird, birgt deutlichere Ähnlichkeiten in beiden Werken. Die Vertuschung von Erschießungen nämlich, von der Solschenizyn noch als Zwangsarbeit „ohne Posterlaubnis“ berichtet, treibt Orwell auf die Spitze: Wer dem System auffällt, wird vernichtet, nicht nur getötet. Jede Spur davon, dass diese Person existiert hat, wird kommentarlos entfernt. Listen, die den Namen eines entfernten Menschen enthalten, werden erneuert, zur Arbeit erscheint dieser Mensch nicht mehr, ohne dass es jemand kommentiert. Es wird gehandelt, als habe niemand den Menschen jemals gekannt. Es gab ihn nie, er ist eine Unperson. Die Parallele ist deutlich, wenn auch in diesem Fall in der Fiktion überspitzt dargestellt. Woher die Idee dazu kommt, ist aber kaum fraglich.

Die Parallelen sind aufgezeigt, der Vergleich angestoßen. Sicher sind mir einige Punkte entgangen und vermutlich habe ich mich oft schwammig ausgedrückt. Dennoch denke ich, dass mir die Vermittlung des Grundgedankens gelungen ist. Viele der Aspekte beider Werke, vor allem aber die immer mehr zunehmende Totalüberwachung aus 1984 findet sich in zunehmender Stärke auch in unserem Alltag wieder, was erst recht ein Grund ist, sich dieser Texte wieder anzunehmen und sich neu zu bedenken. Gedanken zu diesem Ansatz hat aber der Zornbuerger bereits geäußert und das viel besser, als ich es könnte.

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