Caragh M. O’Brien: Birthmarked

von obstivision

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Young-Adult-Dystopien schießen zur Zeit wie Pilze aus dem Boden. Spätestens seit dem riesigen Erfolg von Hunger Games ist dieses Genre ein absoluter Renner und Absatzgarant, was immer mehr Autoren in seine Arme treibt. Alle diese Romane kranken an einigen Stereotypen, derer einige hier nur genannt werden sollen:
– Mauerblümchen-Syndrom: Die Hauptfigur, ein Mädchen, hält sich selbst fuer langweilig oder hässlich, bis ihr ein Mann glaubhaft das Gegenteil versichert.
– Liebe auf den ersten Blick: In diesen Mann verliebt sie sich Hals über Kopf unsterblich, ohne jemals daran zu zweifeln, aber auch, ohne ihn wirklich zu kennen. Sie ist sofort bereit, ihm überall hin zu folgen und notfalls für ihn zu sterben.
– Liebesdreieck: Sie steht zwischen zwei Männern, entscheidet sich aber (meist) für den ersten und ihre Entscheidung ist, unabhängig davon, auf wen sie fällt, bereits früh absolut vorhersehbar.
– Das große Böse: Die Regierung ist ein namenloses, gesichtsloses Böses. Wenn es einen Kopf in Form einer Figur hat, wie zum Beispiel der Präsident Snow, bleibt er eindimensional und ohne nachvollziehbare Motive, die über Macht- oder Geldgier hinausgehen.
– „Chosen-One“-Syndrom: Der Hauptcharakter ist ein irgendeiner Form „auserwählt“, nur diese eine Person kann die Welt retten.
– Zivilisationsreste: Die Welt befindet sich in einem postapokalyptischen Zustand mit geringen Ressourcen und eingeschränktem Zugang zu Technologie, meistens handelt es sich dabei um eine Zwei- (oder Mehr-) Klassengesellschaft. Das an sich wäre kein Problem, wenn es glaubwürdig belegt wäre. Das ist es aber leider selten, so dass man mitten in einer Welt steht, deren Zustand nicht erklärt wird, zumeist in einer kleinen, isolierten Restpopulation. Bei unserer heutigen Vernetzung ist es einfach unbefriedigend zu glauben, dass dies realistisch ist. Das Wissen darüber, dass woanders auch noch Menschen leben, würde nicht einfach verschwinden.

Vorsicht, minimale Spoiler im Folgenden. Ich gebe mir Mühe, so wenig wie möglich zu verraten.

Der Klischees sind noch mehr, aber diese sind diejenigen, die mich persönlich am meisten stören und mir immer wieder sauer aufstoßen, wenn ich, wie so häufig, ein Buch dieses Genres lese. Umso mehr habe ich mich gefreut, ein Exemplar gefunden zu haben, das wenigstens in einigen Punkten besser ist: Birthmarked von Caragh M. O’Brien. Auch dieser Auftakt zu einer Trilogie erfüllt einige Punkte der Klischeeliste, vor allem den einer Zweiklassengesellschaft isoliert im Nichts, bei der nicht erkennbar ist, wie sie entstehen konnte. Nach wie vor irritierend, aber mittlerweile etabliert genug in diesem Genre, als dass sich wenigstens die Verlage nicht mehr daran zu stören scheinen. Sehr schade, ebenso wie das ungenutzte Potenzial der Herrscherfigur, die hier Ansätze eines wirklichen Charakters zeigt, die aber nicht näher erläutert werden und damit im Sande verlaufen.

Erfreulich dagegen ist die Entwicklung der Liebesgeschichte, die sehr langsam vonstatten geht. Die Hauptfigur Gaia küsst den möglichen Partner, Leon, ueberhaupt erst im 26. von 28 Kapiteln, 20 Seiten vor Ende des Romans, es bleibt bei diesem einen Kuss und von Liebe ist bei keinem von beiden die Rede. Erfrischend realistisch wird das immer wieder aufflammende Misstrauen Gaias gegenüber Leon beschrieben, dessen Motive sie erst nach und nach aufdeckt und auch zum Ende noch nicht verstanden hat. Im zweiten Band folgt darauf wohl leider ein Liebesdreieck, dazu kann ich derzeit noch nichts sagen.

Nachtrag. Der Roman selbst fasst seine Absurdität wundervoll zusammen: „She’d heard of love triangles before, but a love square?“ Selbst die Hauptfigur merkt, wie lächerlich das ist, beim Lesen schüttelte ich auch nur den Kopf. Warum ist soetwas nötig?

Außergewöhnlich ist auch das Mauerblümchen-Problem umgangen worden. Gaia ist hübsch und sich dessen auch durchaus bewusst – auf der rechten Seite ihres Gesichtes. Denn die linke ist bedeckt von einer riesigen Narbe, wegen der sie seit früher Kindheit ausgestoßen wurde und auf deren Erwähnung sie deshalb empfindlich reagiert. Leon spricht nicht über diese Narbe und auch überhaupt nicht von Gaias Äußerem, ist vielmehr von Verhalten und Charakter fasziniert, die so anders sind, als alles, was er kennt – wenig verwunderlich, sie ist schließlich in einer anderen gesellschaftlichen Klasse aufgewachsen als er. Gaia selbst hingegen lernt im Laufe der Handlung, Blicke anderer Menschen nicht nur als Ekel zu deuten, sondern auch als Mitleid aufgrund ihrer Entstellung, von der jeder annehmen muss, dass sie von einem Unfall stammt. Hier wurde die Optik der Hauptfigur gut genutzt, um ihr durch eine Veränderung der Selbstwahrnehmung anstelle eines reinen Selbstvertrauengewinns vor allem Einsicht in die Natur der sie umgebenden Menschen zu gewähren. Ein cleverer Schachzug.

Damit ein Charakter als Fokuspunkt eines Romans legitim verkauft werden kann, braucht er etwas, das ihn von anderen absetzt. Häufig fuehrt dies dazu, aus dem Hauptcharakter einen Auserwählten zu machen, wie Harry Potter oder Luke Skywalker, die wohl berühmtesten Beispiele dieses „Chosen-One“-Syndroms. Ein Paradebeispiel dafuer, wie man es besser lösen kann, ist hingegen Bilbo Baggins im Hobbit. Er wird von außen in eine Rolle geschubst, die eigentlich garnicht zu ihm passt und die ihm zunächst niemand abnimmt, insgesamt geschieht das alles auch noch vollkommen zufällig. Auch Birthmarked fällt in diesem Fall in die Kategorie der gelungenen Lösungen. Gaia zeichnet sich durch nichts weiter aus, als zufällig die Tochter ihrer Eltern zu sein, die sich einen geringfügigen Widerstand gegen das System leisten, der wiederum aus reinem Zufall relevant wird.

Rezensionen nach zu urteilen, lassen die Folgebände in ihrer Qualität nach, Birthmarked jedoch ist, im Hinblick auf diese Klischees, eine angenehmes Positivbeispiel des Genres. Vom Stil schweige ich überwiegend, dazu gibt es geeignetere Diskussiongrundlagen. Dieser Roman ist unauffällig akzeptabel geschrieben, flüssig lesbar und ohne Stolperfallen in den Formulierungen. Mein Plan: Selbst einen Roman dieser Art verfassen und die letzten Probleme lösen.

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